GEORGIEN SWANETIEN 2018

"Ich würde mich selbst als durchaus unerschrockene Autofahrerin bezeichnen und kann mich daher nicht erinnern, jemals den Haltegriff im Auto so fest umklammert zu haben wie bei dieser Fahrt."

Georgien – und das ist wo?


Georgien liegt an der Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Asien, östlich des Schwarzen Meeres und grenzt direkt an Russland, die Türkei, Armenien und den Aserbaidschan.


Aber für mich viel interessanter ist, dass Georgien sich südlich des großen Kaukasus befindet. Uns, meine Freunde und mich, interessierte vor allem der nordöstliche Teil dieses Landes – Swanetien.

Und warum genau Georgien?


Noch während der Wintersaison 2017/2018 hatte mich ein guter Freund gefragt, ob ich Lust auf eine Skitourenreise nach Georgien hätte.
Sofort meldete sich meine Abenteuerlust und eine kurze Internetrecherche reichte mir für eine fixe Zusage aus.


Den Kaukasus kannte ich bereits von einer früheren Reise zum Elbrus, welcher allerdings in Russland liegt. Doch schon damals faszinierte mich der Blick hinüber zum Ushba. Der Doppelgipfel dieses Berges und sein Prädikat als einer – für Kletterer – schwierigsten Berge der Sowjetunion (dies hatte sicher allerdings mit der Zeit relativiert…) sagten mir zu. Der Ushba gehört übrigens ganz offiziell einer Österreicherin: Cenzi von Ficker! Sie hatte den Berg von dem damaligen Fürsten Dadeschkeliani nach einem erfolglosen Besteigungsversuch geschenkt bekommen.

Georgien – ist das nicht gefährlich?


Diese Frage stellte ich mir auch. Laut Auswärtigem Amt ist die Sicherheitslage in Swanetien zum Glück stabil und unbedenklich. Das bestätigte sich auch während unserer Reise, vor allem die Einheimischen waren immer sehr freundlich und vertrauenserweckend.

Georgien ist vor allem durch das „Heli-Skifahren“ bekannt. Während des Winters – hauptsächlich im Januar und Februar – kommen daher viele Europäer in die Region, lassen sich bequem mit dem Hubschrauber nach oben shutteln und machen ihre Turns durch unverspurte Tiefschneehänge. Das wäre natürlich auch sehr reizvoll gewesen, aber wir Sportler wollten aus eigener Kraft nach oben steigen.


Bei meiner Recherche über Skitouren in Georgien bin ich dann noch auf ein wildes Internetvideo eines georgischen Sessellifts gestoßen, dass auch deutschlandweit in den Medien war, und habe zum Glück festgestellt, dass wir in den anderen Teil des Landes gehen und dort alle Liftanlagen aufgrund des Saisonendes geschlossen sind. Unserer Reise sollte somit nichts mehr im Wege stehen.

Ein Direktflug brachte unsere Truppe von sechs lustigen und motivierten BergsteigerInnen direkt nach Kutaissi und in weiteren sechs Stunden auf schlaglochdurchzogenen Forststraßen erreichten wir in der Morgendämmerung das Dorf Mazeri. Als wir den Jeep verließen, war es ganz ruhig und wir merkten sofort, dass wir angekommen sein mussten – inmitten einer wunderschönen, ruhigen und einfachen Natur. Unsere Blicke streiften durch ein riesiges Tal und wir waren gebannt von den vielen steilen Flanken und schneebedeckten Gipfeln, die in der Morgensonne glitzerten. Genau dieses Bild sollte sich in den kommenden zwölf Tagen bestätigen.
Nach einem Frühstück brannte es unter den Fußsohlen: Wir sattelten unsere Rucksäcke, fellten die Ski auf und zogen los.


Wir waren immer auf der Suche nach spannenden Firnabfahrten und schönen Gipfeln. Andere Tourengeher haben wir während unseres Aufenthalts lediglich zweimal aus der Ferne vernommen, die meiste Zeit waren wir ganz für uns alleine unterwegs. Glücklicherweise bekam ich vor dem Abflug noch einige gute Hinweise über mögliche Routen von dem Georgienkenner Harald Fichtinger, welche unsere Orientierung doch deutlich vereinfachten – vielen Dank an dieser Stelle!

Der König Ushba strahlte uns täglich an, doch bei genauerem Betrachten der Südflanke mussten wir erkennen, dass eine frühere Lawine, einen möglichen Besteigungsversuch in dieser Saison zu gefährlich machen würde, da man sich permanent in stein- und eisschlaggefährdetem Bereich befinden würde.

Unsere Reise führte uns nach wenigen Tagen weiter in das von Mestia 47km entfernte Ushguli. Wir hörten zuvor schon von einer wilden Autofahrt, abenteuerlichen Straßen und tiefen Schluchten. Dass wir für diese Strecke aber knappe vier Stunden benötigen würden, war uns nicht bewusst. Schon am Anfang des Tales hatten wir einen Platten und der einsetzende Regen am Abend machte die schmale Hochgebirgsstraße am Winterende nicht gerade einfacher zu befahren.


Ich würde mich selbst als durchaus unerschrockene Autofahrerin bezeichnen und kann mich daher nicht erinnern, jemals den Haltegriff im Auto so fest umklammert zu haben wie bei dieser Fahrt.


Kurz vor dem Dorf Ushguli blieben wir beinahe in einem Wildbach stecken. Erst beim letzten Versucht schafften wir die Überquerung mit dem Auto und ich war sehr froh, dass wir bald unsere Ziel erreichen sollten. Schon von weitem kann man die großen Türme erkennen, in denen sich die Dorfbewohner zurückziehen- zur Verteidigung oder im Winter bei großen Schneemengen.

Als wir mit unseren geschulterten Reisetaschen und der Tourenausrüstung in bunten Regenklamotten durch die engen, bazigen Gassen stapften, kamen wir uns vor wir Außerirdische in einer anderen Welt.


Beim Betreten unserer Unterkunft dachten wir den falschen Eingang erwischt zu haben, da uns ein dezente Note Stallaroma entgegen kam.
Von den Hausbesitzern wurden wir herzlich empfangen. Wir waren in dem höchsten Dorf Georgiens, am Ende einer Stichstraße, umringt von großartigen Bergen. Im Sommer kommen wohl einige Touristen in diese Region um zu zelten und wandern, im Winter verschlug es nur wenige Ausnahmen hier her, erzählten uns die Hausherren.


Die Gastgeberin tischte uns ein wahres Festessen auf: Es gab unzählige unterschiedliche Schüsseln mit viel frittierten Teigwaren, undefinierbarem Fleisch und leckerem frischen Brot. Nach der langen Fahrt freuten wir uns auf etwas zu trinken, bemerkten jedoch zu spät, dass die klare Flüssigkeit in der 1-Liter- Karaffe kein Wasser, sondern selbstgebrannter ChaCha Schnaps war.


Uns wurde definitiv nicht langweilig und auch die Skitouren rund um Ushguli konnten sich sehen lassen. So spulten wir täglich die Höhenmeter nur so ab und genossen die Sonne unter dem riesigen Horizont.
Die letzten Meter zum Haus mussten wir dank der umherlaufenden Kühe nie alleine gehen. Wir kamen uns oft zurückversetzt in den Anfang des letzten Jahrhunderts vor, doch bei dem Blick in die glücklichen Gesichter der Einheimischen war uns klar, dass wir noch viel von ihnen lernen konnten.

Als Highlight unserer Reise hatten wir uns einen ganz besonderen Berggipfel herausgesucht. Der Tetnuldi ist 4858m hoch und über ein geschlossenes Skigebiet zu erreichen. Wir überlegten uns einen logischen Routenverlauf anhand der Geländestrukturen und installierten auf rund 3700m ein kleines Lager. Unsere beiden Zelten passten gerade auf die zugige Scharte und wir schaufelten uns ein schönes Plateau. Das Schlaflager herrichten, Wasser schmelzen, Auskundschaften der Route für den darauffolgenden Tag, Tee und Nudeln kochen, zu guter Letzt noch die Ausrüstung zusammenpacken und dann kuschelte ich mich in meinen Daunenschlafsack. Am nächsten Morgen schälten wir uns bei klarem Sternenhimmel aus den Zelten und machten uns schnell an den Aufstieg, denn die erste Stunde ist grundsätzlich eisig kalt und wir waren heilfroh als unser Stoffwechsel langsam in Betrieb kam. Wie gebannt konnten wir dann den Sonnenaufgang beobachten und der Moment, wenn die ersten langen Sonnenstrahlen auf die nackte Gesichtshaut treffen sind jedes Mal einmalig!
Wir kamen auf ein großes Gletscherplateau und suchten eine vernünftige Route durch die Spalten, im oberen Bereich schnallten wir die Ski auf unsere Rucksäcke, tauschten Stöcke gegen Eispickel und kämpften uns der Sonnen entgegen.


Die letzten 450m kletterten wir mit leichtem Gepäck auf dem herrlich ausgesetzten und sonnigen Grat dem Gipfel entgegen. Diese Zeilen mögen jetzt wunderschön klingen, und doch weiß ich noch genau wie dünn die Luft in unseren Lungen war und wie schwer die Beine bei den einzelnen Schritten im Bruchharsch, Neuschnee oder teilweise sprödem Alteis waren. Umso intensiver fühlte sich dann aber der Moment auf dem Gipfel des Tetnuldi an – Gipfelglück!


Der Blick war so unendlich weit. Wir konnten ganz klar den vulkanischen Elbrus mit seinen beiden Gipfeln erkennen. Der Ushba war auch nicht zu weit entfernt und weit draußen, davon war ich überzeugt, war das Schwarze Meer zu erkennen. Doch auch das schönste Gipfelglück währt nicht ewig und so machten wir uns an den langen Abstieg, der mit Ski doch um einiges angenehmer ist. Ab dem Adlerhorst, wo unsere Zelte warteten, waren die Rucksäcke schwer beladen und die letzten Gegenanstiege wurden durch die warme Mittagssonne nicht leichter.


Völlig fasziniert von dieser einsamen Schönheit kamen wir zurück nach Mestia. Das frisch gebackene Brot für 33 Cent im Tonofen gönnten wir uns freilich nicht nur einmal und so genossen wir noch unbeschwerte Stunde, bevor die Reise sich dem Ende zuneigte.


Danke für die geniale Zeit: Anja, Wascht, Michi, Mejs, Matti

 

Würdest du wieder nach Georgien wollen?
Auf jeden Fall!

Meine Tipps für alle anderen:


Georgien bietet eine perfekte Kombination aus Abenteuer und Skitour abseits von Standardrouten. Allerdings empfehle ich antizyklisch unterwegs zu sein, das heißt ab März.


Empfehlen kann ich außerdem das Hotel Ushba in Mazeri. Dort und überall auf den Straßen begegnet man super herzlichen Menschen – das Lachen ist also garantiert. Für die Autotransfers sollte genug Zeit eingeplant werden, da diese sehr zeitaufwändig sind.


Aber Achtung! Zum einen ist die Gegend vor allem für konditionsstärkere Bergsteiger/innen interessant und zum anderen sieht hochprozentiger ChaCha manchmal aus wie Wasser. 😉

Eure Laura

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