CORDILLERA BLANCA

PERU 2017

Peru ist definitiv eine Reise wert!

Pfingstsamstag, 3. Juni 2017:

Nach den letzten Klettermetern am heimischen Felsen kommt Kathi Bickel, meine Expeditionspartnerin und eine superfitte Bergsteigerin vorbei und wir trinken am Nachmittag entspannt einen letzten Cappuccino auf der Terrasse, bevor unsere erste größere gemeinsame Tour starten sollte. Wir fliegen via Madrid nach Lima. Dort angekommen starten wir gleich mit dem nächsten Bus in Richtung Berge. Nach sieben Stunden gemütlicher Fahrt kommen wir im Bergsteigermekka Huaraz auf 3000m in Mitten der Cordillera Blanca an. Nun sind wir da: Südamerika – Peru – Anden. Schon beim Aussteigen bemerken wir in der klaren, ruhigen Nacht, dass die Luft dünner geworden ist und müssen entsprechend stark schnaufen, als wir unsere Taschen die steilen Stiegen im Hostel hochschleppen. Walter, unser peruanischer Vermieter und Gastvater, kümmert sich perfekt um uns und so genießen wir ein ausgiebiges Avocado-Frühstück in seinem Garten, bevor wir gemeinsam mit Familie Schlickenrieder und meinen Eltern das nähere Umland erkunden. Es wird in der Sonne geklettert, auf bis zu 4500m gewandert, wir schlendern durch kleine Gassen, fahren Mototaxi, kaufen frisches Obst am Markt und stellen fest, dass man am Stand direkt daneben Säue am Stück und noch lebende Meerschweinchen kaufen kann.

Nach den letzten Erledigungen führt unsere Reise mitten in die Berge. Über Caraz und Cashapampa erreichen wir den Santa-Cruz Trek, bei dem wir vom genügsamen Eseltreiber Alfonso und seinen Tieren begleitet werden. Dadurch können wir uns mit leichtem Gepäck akklimatisieren und genießen am sternenklaren Abend eine einfache Mahlzeit am Lagerfeuer. Die Stimmung ist schon fast kitschig, als wir gegen 20 Uhr das erste Mal in unsere Schlafsäcke kriechen. Das hat sich aber gleich erledigt, als wir morgens mit Reif im Zelt und Schneekristallen auf unserer Ausrüstung aufwachen. Alles ist gefroren und feucht, für die nächsten Tage werden wir wohl noch besser auf unsere Klamotten/ Ausrüstung achten müssen. Doch schon bald wärmen die ersten Sonnenstrahlen unsere klammen Finger und lassen Lufttemperaturen von bis zu 20 Grad Celsius zu. Wir nehmen unser Sack & Pack und ziehen weiter in Richtung Berge. Bei dem ersten Blick auf die rund 6000m hohen schneebedeckten Gipfel kommen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Die Flanken, Grate und Wechten zeichnen sich deutlich vom Horizont ab und üben eine unglaubliche Anziehungskraft auf uns aus, zugleich steigt natürlich auch unser Respekt und wir hoffen, den kommenden Anforderungen gewachsen zu sein. Langsam, aber stetig gehen wir unserem Ziel entgegen und sind schon bald in Einklang mit der Natur der Anden unterwegs. Im 4300m hoch gelegenen Basislager müssen wir uns von Alfonso trennen, bevor wir die nötige Ausrüstung über den beschwerlichen, technisch schwierigen Weg 1200 Meter nach oben ins Hochlager schleppen. Und dann steht er plötzlich vor uns, der vielleicht schönste Berg der Welt. Der Traumberg: Alpamayo. 5947 Meter ragt er in die Höhe und bestiegen wird dieses Trapez aus Eis und Schnee über die Ferrariroute oder French Direct auf der Südwest-Seite.

Doch erstmal versuchen wir, unseren müden Knochen mit Expeditionsnahrung und etwas Schlaf zur Regeneration zu verhelfen, kriechen jedoch noch bei Nacht aus dem Zelt und beginnen im Schein der Stirnlampen mit der Gipfelbesteigung. Es macht unheimlich Spaß, nach oben zu pickeln und den festen Schnee unter den Steigeisen zu fühlen. Kathi und ich kommen gut voran, das Gelände steilt sich zusehends auf und auch der Schnee muss langsam härterem Eis weichen. Wir sichern über die bis zu 80° steilen Stellen und genießen den phänomenalen Ausblick auf die benachbarten schneereichen Gipfel, welche durch tiefgrüne Täler voneinander getrennt werden. Die aufsteigenden Wolken haben uns bald komplett umhüllt und wir folgen den leisen Stimmen der amerikanischen Seilschaft vor uns. Nach ein paar kniffligen Metern im Eis folgt ein heikler Ausstieg im lockeren Triebschnee, bevor wir den schmalen Ausstiegsgrat erreichen. Nochmal kurz konzentrieren, der Weg ist nicht mehr weit. Mittlerweile ist die Sicht gleich Null, doch wir realisieren, dass es rundherum nur noch runtergeht und wir folgerichtig am Gipfel sind. Am Gipfel unserer Träume, am Gipfel des Alpamayo. Wir fallen uns glücklich in die Arme. Ja, wir haben es geschafft. Zur Belohnung gibt es ein Stück gute deutsche Schokolade und einen Schluck Cola (hilft Wunder bei leichter Übelkeit in der dünnen Höhenluft^^ – schließlich ist noch keine Woche seit unserem Abflug in Deutschland vergangen). Doch zu lange wollen wir die Gipfelrast auch nicht ausdehnen und als ich den Reverso ins Seil einhänge, genieße ich nochmal die letzten Atemzüge am höchsten Punkt dieses Berges, bevor wir die Abseilfahrt zu unserem Ausgangspunkt in Angriff nehmen. Es ist bereits früher Nachmittag, als wir den Gegenanstieg zum Hochlager überwinden. Leider hat der Rest unseres Teams den Rückzug antreten müssen, zu hoch waren aktuell die technischen Schwierigkeiten in einem ausgelaugten körperlichen Zustand. Sie waren immerhin schon knapp zwei Wochen länger hier und haben bereits drei erfolgreiche Besteigungen vorzuweisen.

Mit Instantcappucchinopulver stoßen wir zusammen auf den Alpamayo an und freuen uns gemeinsam über die erfolgreiche Besteigung. Ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, jemals mit solchem Hochgenuss ein Instantgetränk zu genießen, doch am Berg ist vieles anders. So schätzt man Kleinigkeiten viel mehr und wird täglich in Demut und Dankbarkeit gelehrt. Vielleicht ist auch das ein Grund für meine Liebe zu den Bergen.

Nach wenigen Stunden Schlaf brechen wir gegen Mitternacht wieder auf, um den benachbarten Quitaraju zu versuchen. Wir spuren über den verspalteten Gletscher, überwinden den Bergschrund und suchen nach einer guten Linie durch die Nordwand. Bis dato hatte sich noch kein Bergsteiger in der laufenden Saison an die Route gewagt. Zu hoch waren die objektiven Gefahren durch Trieb- und Pulverschnee. Dieser hat sich zwar gefestigt, doch ist eine Absicherung mit Eisschrauben fragwürdig und so entscheiden wir uns schweren Herzens gegen den Gipfel und für den Rückweg. Andächtig schreiten wir bei Vollmond durch die stille Nacht und beobachten, wie das Licht langsam am Ende des Horizonts auftaucht. Die zuvor durchstiegene Alpamayowand hebt sich nun immer deutlicher vom Himmel ab und wir sind uns einig, dass es keinen schöneren Rastplatz gibt und wir genießen in aller Ruhe einen Schluck warmen Tee.

Ich hoffe, noch lange von diesen intensiven Augenblicken am Berg zehren zu können, doch nun zieht es uns erstmal in Richtung Tal. Im Basislager trennt sich unsere Gruppe. Während Kathi und ich kurzentschlossen weiter zum Artesonraju gehen, fliegen die anderen vier in den Dschungel und anschließend zurück in die Heimat. Von einer buntgekleideten Peruanerin erstehen wir eine Dose Bier und noch ein paar Vorräte, bevor wir auf uns alleine gestellt sind. Voller Vorfreude und Anspannung schlafen wir auf 5000 Metern und setzen unseren Aufstieg durch das riesige Labyrinth aus Seracs und Gletscherspalten der Nordostwand fort. Mit Freude klettern wir die steilen Passagen bis auf den Gipfelgrat und kämpfen dort mit einem sehr weichen Schneepilz. Oben angekommen sehen wir, dass der Weiterweg durch einen unüberwindbaren überhängenden Serac versperrt ist. Wie wir die Situation auch drehen und wenden wollen, uns bleibt letztendlich nichts anderes übrig, als mit dem „Nordgipfel“ vorliebzunehmen. Der Höhenmesser zeigte gut 5950m an, als wir bei Morgendämmerung unseren Aufstiegsspuren zurück ins Lager folgen.

Eine Woche intensives Bergsteigen liegt nun hinter uns und es wird Zeit, den Rückweg anzutreten. Was ist das für ein befreiendes Gefühl, als wir auf den Esel treffen, der unsere schweren Rücksäcke trägt, doch noch schöner ist der erste kühle Schluck Radler, den wir auf halber Strecke zurück in Richtung Zivilisation auftreiben können.

Genauso herzlich wie der Empfang im Land war auch jetzt der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. So dauerte es keine fünf Minuten, bis ein Fahrer samt Auto für uns Mädels organisiert ist, allerdings sind sogar die gefährlichsten Berge ein Klacks im Vergleich zum Fahrstil so manches Collectivofahrers.

Eine warme Dusche und frische Klamotten, nun fühlen wir uns wie neu geboren und als es auch noch frisch gepressten Orangensaft und warme Semmeln gibt, sind wir quasi im Paradies. Wir verbringen ein paar Tage in der Stadt, doch die Stunden vergehen wie im Flug und ehe wir uns umsehen können, sind wir auch schon wieder auf dem Weg in das nächste Bergtal. Diesmal zieht es uns in die Ishincaregion, wo wir den 6034m hohen Tocllaraju und den 5530m hohen Ishinca besteigen. Beinahe genauso interessant wie diese gigantischen Andenberge ist auch der Austausch mit anderen Bergsteigern auf der kürzlich errichteten Hütte im Basislager, in der natürlich auch auf die verschiedenen Gipfelerfolge angestoßen werden konnte. Während die Klamotten, Seile und Schlafsäcke langsam in der Sonne trocknen, gönnen wir uns einen Cappuccino, dessen perfekter weißer, luftiger Milchschaum direkt mit dem Gipfelgrat des Tocllaraju verschmelzen mochte.

Ja, die Anden waren schon immer ein Kindheitstraum von mir und ich denke, es gibt nichts Schöneres, als Träume verwirklichen zu können. Wir sind eingetaucht in eine andere Welt. Im ersten Moment wirkte alles sehr einfach, vielleicht auch chaotisch und unstrukturiert. Doch bald haben wir gemerkt, dass die Menschen unheimlich zufrieden und glücklich sind, es scheint als würden die Uhren hier noch etwas langsamer ticken. Wir wurden mit viel Offenheit und Hilfsbereitschaft aufgenommen und lernten bald, dass das Zusammenleben sehr wohl gut organisiert war. Egal ob man nun die Berge oder die Menschen betrachtet, wir haben in jedem Fall Freunde fürs Leben gefunden.

Peru ist definitiv eine Reise wert. Danke Kathi für die supergute Zeit, deine lockere Art und deine Zuverlässigkeit in jeder Lebenslage.

Herzlichen Dank auch an meine Partner für die tolle Unterstützung!

 

Eure Laura

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