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HEILIGKREUZKOFEL

SÜDTIROL 2019

"Die Kletterei war herrlich und die luftigen Kletterstellen genau nach unserem Geschmack."

Der Wetterbericht sagte stabiles aber kühles Bergwetter voraus. Ich hatte trainingsfrei und ein Kletterpartner war schnell gefunden. So packte ich sorgfältig meine Kletterausrüstung, warme Klamotten und noch ein bisschen Brotzeit zusammen. Das Ziel unserer Reise stand bereits fest: Der Heiligkreuzkofel. Dieser hatte mich schon so oft in seinen Bann gezogen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie bei untergehender Sonne die riesige Westwand in tiefem Rot über dem Gadertal leuchtet.

Diesmal wollte ich nicht nur vom Tal aus hinaufsehen, sondern auch Mal vom Berg hinab. Die Touren sind allesamt recht anspruchsvoll. Ein verzwickter Zustieg und ein nicht immer stabiler Fels fordern einen erfahrenen Kletterer. So entschieden wir uns für die vermutlich leichteste Tour an dieser Wand: die „Große Mauer“. Dabei handelt es sich um eine klassische Linie aus dem Jahr 1969 von Reinhold Messner und Hans Frisch, ein echter Klassiker. Die reine Kletterlänge beträgt 250 Höhenmeter. Die maximale Schwierigkeit der Strecke ist eine VII. Ein geschultes Auge für mobile Sicherungen ist hierbei genauso unerlässlich, wie ein angstfreies Klettern in völliger Ausgesetztheit.

Die Fahrt von Garmisch-Partenkirchen durch Tirol und über den Brenner trete ich immer sehr gerne an. Bei einer Cappuccino-Pause auf dem Weg spüre ich das aufkommende Urlaubsfeeling. Oft war ich schon hier zum Radeln, Skirollern oder auch zum Skifahren. Die saftigen grünen Wiesen weisen uns den Weg zu den Bergen und wir zweigen vom Pustertal in Richtung Alta Badia ab. Unser Ausgangspunkt für die Kletterroute war La Villa – oder auch „Stern“ genannt. Gerade mähte ein älterer Bergbauer noch die letzten Flecken seines Feldes – ein gutes Zeichen – somit erwartet auch er stabiles Wetter für die anstehenden Tage.

Wir starteten frühmorgens nach einem kurzen Frühstück. Besonders lange konnten wir eh nicht schlafen, zu groß war die Vorfreude auf die anstehende Tour.

Wir wanderten gemütlich am Heiligkreuz Hospiz vorbei und direkt auf die beeindruckende Westwand zu. Es folgten einige hundert Höhenmeter mit einer verzwickten Routenfindung durch den Vorbau bis wir schließlich auf dem Einstiegsband angekommen sind.

Eine markante Verschneidung mit labilen Blöcken zeigte uns den Beginn der „Großen Mauer“. Es folgten weite Strecken an wechselndem Fels bis wir das große Band der Wandmitte erreichten. Dort trafen uns die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Eine Wohltat für die kalten Finger. Nachdem wir eine kurze Rast gemacht hatten, freuten wir uns auf die kommenden Passagen. Die Schlüssellänge war kraftraubend und die alten Haken hätten noch von Reinhold Messner persönlich sein können – stürzen war also keine gute Option.

Die Kletterei war herrlich und die luftigen Kletterstellen genau nach unserem Geschmack. Ich durfte an einer riesigen Hangelschuppe vorsteigen, deren Ausmaß wohl einzigartig ist. Nur schade, dass sie bereits zwei heikle Meter vor dem Standplatz endete. Wir genossen die Ruhe an der abgeschiedenen Wand, ließen den Blick in das entfernte Tal schweifen und waren absolut glücklich dort sein zu dürfen.

Es folgen noch zwei pumpige Risse, die uns zur Abbruchkante führten und nach acht Seillängen schwangen wir uns aus der senkrechten Kletterei auf das völlig flache Plateau am Ausstieg. Philipp und ich lagen uns in den Armen. Was für eine faszinierende Kletterei in einer atemberaubenden Szenerie. Wir sahen die große felsige Hochebene die sich hinüber zur Faneshütte, einer beliebten Skihütte in der Region, zieht. Auf der anderen Seite konnten wir das Grödnerjoch sehen, welches Teil der bekannten Sellaronda ist. Unter uns erstreckte sich währenddessen die senkrecht abbrechende Wand, durch die wir gerade turnen durften.

Der Abstieg folgte auf dem stahlseilgesicherten Normalweg zurück zum Hospiz, wo wir bei naturtrüber Apfelschorle und hauseigenem Kuchen einkehrten. Die Wand ist gespickt von faszinierenden Linien und nach einem letzten wehmütigen Blick auf den rötlichen Fels, bogen wir noch kurz in die Kapelle ein, hielten inne und dann war es Zeit für den Rückweg.

Ich bin immer unheimlich gerne in den südtiroler Dolomiten unterwegs. Kaum eine Region ist so vielfältig und voller Möglichkeiten.

Bis bald


Laura

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